Die Welt von Helisee
von Andreas Sommer
Was bedeutet Helisee?
Was wäre, wenn…
Historische und mythologische Hintergründe der Helisee-Saga
Wie mag die Schweiz vor 1100 Jahren ausgesehen haben, zu jener Zeit, als nach landläufiger Überlieferung die gute Königin Bertha durch unser Land ritt und ihren sagenumwobenen Faden spann? Damals gehörte die gesamte westliche Hälfte unseres heutigen Staatsgebiets bis an die Reuss zum Königreich Burgund. Es war eine wilde unwirtliche Gegend, die vor allem von undurchdringlichen Wäldern geprägt wurde. Die Niederungen waren auf weiten Strecken versumpft und wurden von ungezähmten Flüssen regelmässig überschwemmt. Wenige grössere Städte wie Solothurn, Avenches oder Lausanne und im ganzen Land verstreute Siedlungen und Einödhöfe waren durch ein Netz schlecht unterhaltener Wege miteinander verbunden. In den Städten, auf den Adelsburgen und in den Klöstern verstanden sich die Menschen als Christen, und sie eiferten danach, sich durch eine gottgefällige Lebensführung das jenseitige Paradies zu verdienen. Auf dem Land hingegen lebte das Erbe der alten keltisch-germanischen Mythologie noch lange Zeit fort und beeinflusste die Lebenspraktiken und Bräuche der Bauern, Hirten und Fischer massgeblich. Viele Menschen fühlten sich hier noch den alten Göttern und Geistern verbunden und richteten sich nach den natürlichen Zyklen aus. Soweit können wir uns aufgrund der historischen Quellen ein ungefähres Bild machen.
Der Rest ist Spekulation. Und an dieser Stelle setzt nun meine «Helisee-Saga» an. In diesem mehrbändigen Fantasy-Epos gehe ich nämlich der Frage nach, wie unser Land damals wohl beschaffen gewesen wäre, wenn all die Figuren und Elemente aus den heimischen Märchen, Mythen und Sagen nicht bloss erdichtete Erzeugnisse menschlicher Fantasie, sondern akkurate Schilderungen tatsächlicher Erlebnisse und Verhältnisse gewesen wären, gewissermassen ein Spiegel der damaligen Wirklichkeit. Wenn die Menschen im Frühmittelalter hierzulande wirklich mit Feen und Zwergen, Drachen und elbischen Wesen koexistiert, und wenn Zauberei und Wunderwirken tatsächlich ihr alltägliches Dasein mitgeprägt hätten? In diesem Sinne entwirft die Helisee-Saga das Bild einer mythisch-magischen Vor-Schweiz, welches landschaftlich und historisch reale Gegebenheiten aufgreift, aber diese mit mannigfaltigen Zutaten aus Sage und Legende verwebt.
Brennpunkt dieser frühmittelalterlichen Welt von «Helisee» ist der Landstrich Nuithônia. So lautet der keltisch-latinisierte Name des sogenannten Üechtlandes, einer Region, die sich zwischen den Flüssen Aare und Saane, zwischen den Voralpen und dem Seeland erstreckt. Dem Geschichtsbuch zufolge galt diese unwegsame, von zahlreichen Schluchten durchfurchte Gegend lange Zeit als Pufferzone zwischen den Interessesphären Burgunds und Alemanniens, welche bewusst nicht erschlossen wurde, um einen neutralen «grünen Riegel» zwischen die beiden konkurrierenden Mächte treiben zu können. Mein Weltmodell treibt diese Ausgangslage noch weiter, indem ich Nuithônia zum unliebsamen Bannland erkläre, welches seit den Zeiten Karls des Grossen mit einem Betretungsverbot belegt ist, damit «rechtschaffene Christenseelen» darin nicht in den Bannkreis teuflischer Mächte geraten. Dies ist aber nur eine Seite der Medaille. Die Wildnis des verbotenen Landes Nuithônia ist in der von mir ersonnenen «Parallel-Realität» der Standort verschiedener verborgener Feenpforten, welche den Übertritt in eine andere Wirklichkeit ermöglichen, in das verwunschene Elbenreich Helisee, wo die Feenkönigin Helva über ihr Gefolge von Zwergen, Schraten, Kobolden, Sylphen und vielerlei weiterer Sagenwesen gebietet. Zu gewissen Zeiten im Jahr – nämlich während der altüberlieferten acht Feste im Jahreslauf (Sonnwenden, Äquinoktien, Kreuzvierteltage) - stehen diese Pforten vorübergehend offen, und Kundige – oder Unbedarfte – können durch sie hindurch in die Feenlande hinübergelangen. Um die Zugänge in ihr heimliches Reich zu schützen, betraut die Feenkönigin einen berufenen Ritter aus einem alten feenfreundlichen Edelgeschlecht der benachbarten Menschen mit der Aufgabe, diese sensiblen Tore in die Anderswelt zu bewachen und die Grenzen Nuithônias mit seinen Männern vor unbefugten Eindringlingen zu schützen.
Die Bezeichnung «Helisee», welche ich für das Reich der Feenkönigin verwende, ist der Name einer sagenumwobenen Stadt aus «heidnischer Zeit», welche die lokale Sagenüberlieferung östlich von Schwarzenburg (mitten im Üechtland) an der Stelle des heutigen Bauernweilers Elisried vermutet. Für mich klingt in der Lautung dieses Namens aber auch die Ähnlichkeit zum französischen Wort «Elysées» an, welches ja nichts anderes ist als eine Umschreibung des römisch-antiken Paradieses (Elysium), mithin auch eine Art Anderswelt (die berühmten «Champs-Elysées» in Paris wären demnach einfach die «Elysischen Felder», ein schöner Name für einen betriebsamen Grossstadt-Boulevard…).
Umgeben ist dieses verrufene Zauberland Nuithônia nun von den Gauen (Grafschaften) des Königreiches Birgunt, einer Adaption des historischen Burgund (später Arelat), wo König Rodolphus (historisch Rudolf II.) und seine Gemahlin Bertha auf ihren verstreuten Pfalzen Hof halten und ihre Stammlande unermüdlich gegen einfallende Mauren (arabisch-berberische Bewohner der damaligen iberischen Halbinsel) und Hunnen (eigentlich Magyaren, Reitervölker aus der ungarischen Tiefebene) verteidigen.
Die Handlung der Helisee-Saga wird erst angestossen, als ein argloser Hirtenjunge aus einem abgeschiedenen Bauerndorf am Saum des Königreiches bei der Verfolgung einer entlaufenen Ziege die «Bannmarch» des verbotenen Landes Nuithônia überschreitet - und dort an einem malerischen Waldweiher einen Feenschatz aus einem Rabennest mitlaufen lässt, ohne zu wissen, dass er dadurch nach und nach Ereignisse von epochaler Tragweite in Gang setzt. Nach einer alten (für den Roman fiktiv erdichteten!) Prophezeiung beginnen nämlich mit der Vollendung des ersten nachchristlichen Jahrtausends (wir befinden uns in der Romanhandlung notabene in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts) die getrennten Ebenen des Weltgefüges wieder miteinander zu verschmelzen. Gemeint sind mit diesen Ebenen die drei klassischen Sphären der antiken Kosmologie, welche die Wirklichkeit in Unterwelt, Mittelwelt und Oberwelt aufgliedern. In meiner Saga entspricht diese Aufteilung einerseits der irdischen Menschenwelt, zum Anderen dem lichtdurchdrungenen Feenland Helisee (Oberwelt) und dem dämonisch-trügerischen Schattenreich Aunnauîn (Unterwelt). Dass sich diese Welten wieder miteinander verbinden wollen, ist eigentlich ein segensreiches Vorzeichen für ein anbrechendes Goldenes Zeitalter, wird jedoch von skrupellosen Mächten in bewährter Manier für eigene Interessen missbraucht und droht daher in eine Katastrophe einzumünden.
Die Feenkönigin Helva, die zaubermächtige Herrscherin von Helisee und eine der treibenden Kräfte meiner Geschichte, ist deshalb mit allen Mitteln darum bestrebt, den uralten Bund zwischen Menschen und Feen wieder zu festigen, damit sich die Weltenfusion schlussendlich zum Wohl aller Lebewesen auswirken kann. Die Konflikte, die dadurch unweigerlich entstehen, verwickeln die Protagonisten der Buchreihe in aufregende Abenteuer, wobei ich hier zahlreiche geläufige Elemente des Genres zur Anwendung bringe, dieselben aber mit reichlich Lokalkolorit und zahlreichen unbekannten Zutaten aus der heimischen Sagenküche anreichere.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die «Helisee-Saga» in die Gegebenheiten unserer realen Welt zur Zeit des 10. Jahrhunderts eingebettet ist und sich an historischen Befunden orientiert, dass sie auf dieser Grundlage aber eine mythisch-magische Welt aufspannt, die von vielfältigen Motiven der lokalen Sagen- und Märchentradition durchdrungen ist. Das Zusammentreffen gegensätzlicher Welten zieht sich durch die gesamte Handlung hindurch: Das Christentum begegnet alteuropäischer Mythologie, bäurische Lebensweise der höfischen Kultur, Mitteleuropäer den (muslimischen) Mauren, und gewöhnliche Menschen der magischen Feenwelt.
Wer mit den regionalen Gegebenheiten, die der Geschichte zugrunde liegen, und mit deren jeweiliger Sagenwelt vertraut ist, mag bei der Lektüre immer wieder mal Bekanntes entdecken, aber Lokalkenntnisse werden für ein immersives Lese-Erlebnis keineswegs vorausgesetzt. Gleichwohl war es mir bei der Erschaffung der «Helisee-Welt» ein Anliegen, konkrete Realität und fantastische Sagenwelt auf eine Weise miteinander zu verbrämen, dass die geneigte Leserschaft auch eine Einladung daraus vernehmen könnte, Gewohntes vor der Haustür mit neuen Augen zu betrachten, und jene magische Dimension, welche durch unsere Sagen und Märchen genährt wird, vermehrt auch wieder im alltäglichen Kontext zuzulassen. Vielleicht sogar, in manchen «Helisee-Reisenden» den Wunsch zu wecken, die beschriebenen Landstriche selbst zu erkunden und sich durch die gelesene Geschichte draussen in der Natur inspirieren zu lassen, zu eigenen Begegnungen mit der verzauberten Landschaft und ihren vielfältigen Bewohnern und Erscheinungen.
Andreas Sommer, Eriztal, im September 2025
Die Saga geht weiter...
Im Oktober 2026 erscheint bereits der dritte Band von Helisee.
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